Zwei Suchtmenschen geben Orientierung im „Drogendschungel“ – Buchbesprechung

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Authentischer geht es kaum, ein ehemaliger Polytoxikomane und heutiger Unternehmer sowie Personal- und Businesscoach und jemand, der nach eigener Einschätzung fast alles, was der Drogenmarkt zu bieten hat, exzessiv und selbstzerstörerisch konsumiert hat, haben ihre jeweiligen Erfahrungen aufgeschrieben und veröffentlicht. „Knallhart“ ist eine von ihnen häufig verwendete Vokabel, „knallhart“ in der Beschreibung des durch den Drogenkonsum geprägten Lebensabschnitts, „knallhart“ in der Analyse der Ursachen von Missbrauchsverhalten und Suchtproblemen, „knallhart“ in der Schlussfolgerung, dass die auf Prohibition setzende Drogenpolitik kläglich gescheitert ist. Und sie möchten ihre Leserinnen und Leser einladen, sich an dem notwendigen Diskurs zum derzeitigen Narrativ der Drogenpolitik in Deutschland zu beteiligen. 

Rainer Biesinger räumt zunächst mit dem Vorurteil auf, Drogenkonsumenten seien „schlechte, schwache, unsoziale, durchgeknallte, ungebildete Menschen“, die im Regelfall ihr Leben nicht im Griff haben. „Allein in Deutschland ballern sich tagtäglich Millionen von Menschen – in welcher Form auch immer – systematisch aus ihrer subjektiven Realität heraus.“ Der Drogenkonsum betreffe alle Schichten und Milieus unserer Gesellschaft und offenkundig gebe es für diesen Konsum aus der Sicht der Konsumierenden ja auch wohl im Regelfall gute Gründe, was die steigende Nachfrage erklärt. Jede Form von Verteufelung sei fehl am Platz, ebenso wie die wissenschaftlich abwegige Differenzierung in „gute“ und daher legale sowie „schlechte“ und daher illegale Substanzen. Ein Beispiel für dieses Argumentationsmuster lieferte die Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig (CSU), die in einem aktuellen Interview die steile These wagte, Alkohol sei bei bestimmungsgemäßem Gebrauch ungefährlich, während die Gefährlichkeit des Cannabiskonsums nicht unterschätzt werden dürfe. So kann man sich auch den eigenem Drogenkonsum schönreden, man gehört ja schließlich zu den „Guten“, und am besten lässt sich über die Gefährlichkeit von Cannabis nach dem dritten Glas Bier oder einem leckeren Fläschchen Chardonnay schwadronieren. 

Aber es reicht den Autoren nicht, die Mythen und ideologischen Muster in der drogenpolitischen Diskussion kritisch zu hinterfragen, sondern sie wollen den Leserinnen und Lesern auch verdeutlichen, wo die individuellen und gesellschaftlichen Gründe für ein riskantes Konsumverhalten liegen, das in eine existenzgefährdende Suchtabhängigkeit führen kann. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass nach dem gegenwärtigen Stand der drogentherapeutischen und -medizinischen Forschung immer nur eine Minderheit ein problematisches Konsumverhalten zeigt, während die große Mehrheit der Konsumierenden ihren Konsum von Rauschdrogen unauffällig und kontrolliert praktiziert. Diese Feststellung gilt unabhängig davon, ob es sich dabei um legale oder illegale Substanzen handelt. So liegt der Anteil derjenigen, die einen risikobehafteten Konsum in der Form haben, dass sie ihren Lebensalltag auf den Konsum im Einzelfall auch mit negativen gesundheitlichen Folgen eingestellt haben, bei Cannabis zwischen 8% und 10%. 

An dieser Stelle ist die Argumentation der Autoren auch aufgrund ihrer eigenen „gesättigten“ Lebenserfahrung besonders überzeugend. Ihre Schlussfolgerung lautet: „Drogen sind grundsätzlich weder gut noch schlecht – das Problem ist, wie damit umgegangen wird.“ Obwohl sich Rainer Biesinger und sein Ko-Autor Max Klute nach dem Lebensabschnitt mit exzessivem Drogenkonsum dazu entschieden haben, ein weitgehend drogenfreies Leben zu führen, predigen sie keine Abstinenz, weil dies angesichts der Lebenswelten der Drogenkonsumierenden weltfremd sei. Da eine drogenfreie Gesellschaft nicht vorstellbar ist, plädieren sie für eine Drogenpolitik, die die Konsumentinnen und Konsumenten zu einem verantwortungsvollen Umgang mit ihrem Konsum befähigt. Dies entspricht im Übrigen auch dem Menschenbild einer freiheitlichen Gesellschaft. 

Damit dies gelingt, müssen vor allem zwei wesentliche Bedingungen erfüllt sein. Die erste Voraussetzung ist eine ehrliche und transparente Aufklärung über Wirkung, Inhaltsstoffe und Suchtpotential der auf dem Drogenmarkt erhältlichen Substanzen, und zwar angesichts der Vielfalt der Drogen differenziert für jede einzelne Substanz. Nach Überzeugung der Autoren würden klare Konsumanleitungen und Hinweise auf die Zusammensetzung der gängigen Drogen, mittel- bis langfristig zu einer „Art gepflegter Drogenkultur“ führen. Dies ist auch die Auffassung des ganz überwiegenden Teils der Experten, die sich wissenschaftlich mit diesem Thema beschäftigen. Umso unverständlicher ist es, dass drug-checking, also die labortechnische Analyse vor allem von synthetischen Drogen, die in der Feier- und Partyszene weit verbreitet sind, bis heute in Deutschland verboten ist. Die abstruse Begründung für diese Verweigerung, dass damit dem Konsum illegaler Substanzen Vorschub geleistet würde, ist nur ein Beispiel für die ideologiebehaftete und irrationale Drogenpolitik in Deutschland. 

Die begründete Feststellung, dass Unwissenheit, Unaufgeklärtheit, Abschreckung und Verteufelung nichts bringt, führt unmittelbar zur zweiten Voraussetzung einer rationalen Drogenpolitik. „Nach einer jahrzehntelangen gescheiterten Verbotspolitikpolitik gilt es festzustellen, dass die Konsumentenzahlen stets kontinuierlich gestiegen sind und die Vielfalt der Drogen immens gewachsen ist.“ Der Ausstieg aus der Prohibitionspolitik wird von den Autoren dringlich eingefordert, da durch die Kriminalisierung von Konsumenten als illegal eingestufter Rauschdrogen nichts besser aber vieles schlechter geworden ist. Als Beispiele werden sachkundig die Probleme und Risiken des Drogenschwarzmarktes angeführt von den exorbitanten Gewinnen profitorientierter krimineller Organisationen bis hin zu den gesundheitlichen Risiken nicht deklarierter Inhaltsstoffe der verkauften Substanzen. Dass kriminelle Märkte an einem Jugendschutz keinerlei Interesse haben, dürfte sich ebenfalls mittlerweile rumgesprochen haben. Dies und der Umstand, dass die Drogenkartelle so gut wie keiner staatlichen Kontrolle ausgesetzt sind, macht sie zu Lasten der Konsumierenden und der Gesellschaft so ungemein gefährlich. 

Auf eine weitere Folge der Prohibitionspolitik macht der Bernauer Amtsrichter Andreas Müller in seinem Vorwort zu „Toxisch“ aufmerksam. „Seit einem halben Jahrhundert verfolgt unser Staat Millionen von Menschen, weil sie statt Alkohol lieber ein anderes und wesentlich weniger schädliches Betäubungsmittel, nämlich Cannabis, konsumieren oder zu anderen Mitteln greifen. Millionen von Menschen wurden zu Geld- oder Haftstrafen verurteilt, Karrieren und Familien wurden wegen einer unsinnigen von Ideologie geprägten Drogenpolitik zerstört.“ 

Es ist höchste Zeit, diese Politik zu ändern. Auf dem Weg dahin ist das Buch von Rainer Biesinger und Max Klute ein wichtiger Beitrag. Rainer Biesinger ist Mitglied bei LEAP Deutschland, einem Verein, in dem sich in erster Linie Beschäftigte aus Strafverfolgungsbehörden und der Strafrechtspflege für eine Drogenpolitik einsetzen, die sicherstellt, dass Konsumierende nicht länger kriminalisiert werden und der Drogenmarkt im Interesse einer wirklichen Risikominderung unter staatlicher Aufsicht reguliert wird. Auch aus diesem aber natürlich nicht nur aus diesem Grund kann ich die Lektüre von „Toxisch“ nachdrücklich empfehlen. Eine praxiserfahrenere und vor allem ehrlichere Analyse der Welt der Rauschdrogen werden Sie aktuell nicht finden. 

Hubert Wimber

Polizeipräsident a.D.

Vorsitzender von LEAP – Deutschland